Ohne Halt zu suchen — eine Atemübung für den Alltag | Heiko Raue

Ohne Halt zu suchen

Es gibt einen Halt, den man sich nimmt, und einen, den man hat. Der erste braucht etwas, woran er sich hält. Der zweite nicht.

Diese Übung gilt dem zweiten. Sie ist kurz, sie braucht nichts als einen Stuhl, und sie geht über den Atem — genauer: über das Ausatmen, das man gewöhnlich übersieht. Was sie sucht, liegt nicht unter einem, sondern in einem.

In Beistand geben steht dafür ein Bild aus der SySt-Tradition: „Die Meeresschildkröte ruht im Bodenlosen in der eigenen Mitte und schaut." Sie braucht keinen Boden unter sich — sie findet ihren Halt in der eigenen Mitte. Wer festen Boden braucht — Halt in Methoden, Techniken, Plänen —, ist zu beschäftigt damit, nicht zu fallen, um wirklich zu schauen.

Von dieser Mitte erzählt Beistand geben.

Eine Übung für den Alltag

Auch diese Anleitung ist zum langsamen Lesen gedacht — etwa im halben Alltagstempo. Jeder Absatz ist ein Atemzug. Wo der Text schweigt, darfst du es auch.

 

Ohne Halt zu suchen

Eine Übung für den Alltag · etwa sechs Minuten, dann den ganzen Tag

Das Nachschauen

Setz dich. Beide Füße am Boden.

Schließ die Augen — für einen Moment.

Geh langsam durch dich hindurch. Von oben nach unten. Und wieder herauf.

Nicht prüfend. — Nur nachschauend, wo etwas hält.

Du suchst keinen Fehler. Du machst dich bekannt.

Das Loslassen

Atme aus.

Und lass zu Beginn des Ausatems in den Schultern los.

Nicht die Schultern herunterdrücken. — In ihnen loslassen.

Das ist ein Unterschied. Und er ist der ganze Anfang.

Das Niederlassen

Noch einmal aus.

Und lass dich am Ende des Ausatems im Becken nieder.

Oben loszulassen und unten anzukommen sind zwei Dinge. — Das eine folgt dem anderen nicht von selbst.

Prüf es einmal: Zieh die Schultern hoch. Lass sie fallen. — Unten ist nichts geschehen.

Also noch einmal. Und diesmal bis unten.

Das Zulassen

Und beim nächsten Ausatem, ganz am Ende:

Lass den Unterbauch zu.

Nicht herausfallen lassen. Nicht aufblähen. — Zulassen und ein wenig Kraft hineingeben.

Und wenn dabei etwas zögert — eine Scheu, tiefer zu gehen, ein Festhalten weiter oben —

dann ist das kein Fehler. — Das ist die Stelle.

Was bleibt

Und nun prüf, was du gefunden hast.

Nicht den Boden. — Der war nur der Weg.

Der Stuhl kann weggehen. Der Raum kann sich ändern. Das Gespräch kann kippen.

Was du suchst, ist das, was dann noch da ist.

Innere Stabilität ohne äußeren Halt. — Mehr ist es nicht. Und weniger auch nicht.

Den ganzen Tag

Und nun das Eigentliche.

Diese Minuten sind nicht die Übung. — Sie sind das Stimmen davor.

Im Stehen an der Kasse. Im Warten. Am Schreibtisch. Im Gehen.

Immer dieselbe eine Frage: Wo bin ich gerade — oben oder in der Mitte?

Mehr ist nicht zu tun. — Das Bemerken ist schon die Übung.

Und was bemerkt, wird mit der Zeit schärfer.

 

Die Bewegung dieser Übung — das Loslassen in den Schultern, das Niederlassen im Becken, das Zulassen des Unterleibs — stammt aus der Hara-Lehre Karlfried Graf Dürckheims („Hara. Die Erdmitte des Menschen"). Dürckheim führt sie zur Verwurzelung in der Erde; hier führt sie woandershin, zu einem Halt, der keinen Boden braucht. Das Bild dafür stammt aus „Beistand geben": Heiko Raue, „Beistand geben. Eine Haltung für Gespräche in Krisen, Seelsorge und Begleitung", 2026.

Aquarell einer Meeresschildkröte, die dem Licht entgegenschwimmt

Wo Erklärung und Schweigen beide möglich sind, prüfe zuerst das Schweigen.
Where both explanation and silence are possible, attend to the silence first.

Dieselbe Zurückhaltung trägt auch diese Seite: lieber zu wenig als zu viel.
The same restraint holds for this page, too: better too little than too much.

heikoraue.de · © Heiko Raue · Nutzung nur mit Genehmigung · Use only with permission

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.