Im Alltag
Beistand ist die Kunst, so zu schauen, dass ein Mensch beginnt, sich selbst wieder zu sehen.
Manche Gedanken entstehen nicht im Dienst, sondern unterwegs: bei einem Wiedersehen, in einer Sprachnachricht, auf einer Wanderung. Der Alltag ist dafür nicht zu klein.
Vom Wetter
Nach einer Wanderung auf den Ben Nevis.
Ende Juni, Schottland. Wir sind zu viert, Kollegen von früher, die sich einmal im Jahr zum Wandern verabreden. Diesmal: der Ben Nevis, der höchste Berg des Landes, von Meereshöhe hinauf. Am Abend davor Fish and Chips, alte Geschichten, viel Gelächter. Am Morgen brechen wir fröhlich auf, und wir sind nicht allein: Junge und Alte, Gruppen und Einzelne, Wanderer und Trailrunner, aus vielen Ländern. Man grüßt sich, man lässt einander vorbei, die britische Höflichkeit geht mit.
Dann beginnt es zu regnen. Ich spanne meinen Schirm auf und sorge damit für Erheiterung bei allen, die mir begegnen – ich bin offenbar der Einzige auf diesem Berg, der einen Schirm für ein Wanderutensil hält. Auf halber Höhe wird aus dem Regen ein Schütten, der Wind nimmt zu, wir steigen in die Wolken, die Sicht verschwindet. Es wird kälter. Wir queren Schneefelder. Wer stehen bleibt, beginnt sofort zu frieren; die Zähne klappern, die Hände können nicht mehr greifen.
Das Merkwürdige ist: Die Fröhlichkeit bleibt. Nicht als Tapferkeit, nicht als Durchhalteparole – sie ist einfach da, bei uns und bei allen anderen. Die Geschichten, die sich die Menschen beim Gehen erzählen, sind lauter als das Rauschen des Regens. Ein Wanderer stürzt und blutet an der Stirn; er wird versorgt, von denen, die gerade in der Nähe sind. Niemand beschwert sich über das Wetter. Als wüssten hier alle, dass es nicht verhandelbar ist.
Am Gipfel bleiben wir nur für ein Foto stehen. Wir sehen nichts, es schüttet, es hat Minusgrade. Also gleich wieder hinunter, bloß in Bewegung bleiben. Der Wind treibt uns den Regen jetzt ins Gesicht, wir sind bis auf die Haut nass, und von irgendwoher hören wir einen Hubschrauber. Irgendwann auf diesem Abstieg verstehe ich, was diesen Tag hält. Es ist nicht die Aussicht; wir haben keine. Es ist nicht das Ankommen; das war ein Foto im Schütten. Es ist, dass niemand hier allein durch diesen Regen geht. Am Wetter lässt sich nichts ändern – daran, wer neben einem geht, schon.
Ich habe an Gespräche denken müssen, in denen es ähnlich ist. Manchmal lässt sich an dem, was auf einen Menschen niedergeht, nichts ändern – keine Lösung, kein Ausweg, kein besseres Wetter in Sicht. Nur eines lässt sich ändern: ob er allein hindurchmuss. Ob jemand mitgeht, Schritt für Schritt – und ob unterwegs sogar Platz ist für eine Geschichte, für ein Lachen, das nichts verharmlost und trotzdem wärmt.
Als wir nach knapp acht Stunden wieder unten sind, reißt der Himmel auf. Die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen. Am Abend sitzen wir beim Essen, erschöpft und aufgeräumt, und sind uns einig: Der Tag war furchtbar, aber wunderschön. Und keiner von uns hätte sagen können, wo das eine aufhörte und das andere begann.