Bevor das erste Wort fällt
Ein Gespräch beginnt nicht mit dem Klingeln. Es beginnt vorher — damit, wer da sitzt, wenn es klingelt.
Die beiden Übungen auf dieser Seite gelten diesem Vorher. Das Bereitmachen ist für die Minuten vor dem Dienst: ankommen, still werden, Ohr und Stimme stimmen, einen Ort finden, der ruhig bleibt. Zwischen den Anrufen ist für die Minuten danach: ausatmen, abgeben, was nicht einem selbst gehört, und wieder frei werden für die nächste Stimme.
In Beistand geben gibt es eine Frau, die dieses Vorher und Nachher lebt, ohne es je zu benennen. Marta macht in ihrem Gespräch mit Werner nichts — sie hört zu, wartet, lässt den Raum offen. Und als Werner auflegt, sitzt sie noch einen Moment still. Genau diesen Moment pflegen die Übungen: den stillen Rand um das Gespräch, aus dem das Zuhören seine Kraft bezieht. In ihrer Mitte stehen vier Sätze nach Stephen Gilligan — einer der Stimmen, die im Buch selbst zu Wort kommen.
Von dieser Stille erzählt Beistand geben.
Zwei Übungen für den Dienst
Diese beiden Anleitungen sind zum langsamen Lesen gedacht — etwa im halben Alltagstempo. Jeder Absatz ist ein Atemzug. Die Leerräume dazwischen sind keine Lücken, sondern Teil der Übung: Wo der Text schweigt, darfst du es auch.
Das Bereitmachen
Eine Übung vor dem Dienst · etwa acht Minuten
Ankommen
Setz dich an deinen Platz.
Gleich beginnt dein Dienst. — Aber noch nicht jetzt.
Richte die Wirbelsäule auf. Ohne Strenge.
Lass die Sitzhöcker schwer werden.
Lass die Schultern sinken.
Und lass die Stirn weich werden.
Dies ist eine einfache Zeit. — Um bei dir zu sein.
Die Stille
Es beginnt mit einem Moment der Stille.
Nichts tun. — Nichts vorbereiten. — Nur da sein.
Bleib hier länger, als dir lieb ist.
Die vier Sätze
Und in diese Stille hinein — vier Sätze.
Du musst nichts mit ihnen machen. Lass sie nur da sein.
In jedem Anruf, der heute kommt, versucht etwas aufzuwachen.
Im Herzen jeder Not versucht etwas zu heilen.
Etwas versucht, sich zu verwandeln.
Möge ich dafür eine hilfreiche Gegenwart sein.
Betrachte es einfach — aus dieser schlichten Perspektive.
Das Ohr stimmen
Nun stimme dein Instrument. — Dein Ohr.
Benenne innerlich drei Klänge, die du jetzt hörst. — Unhastig. Einen nach dem anderen.
Nun drei Empfindungen. — Das Gewicht auf dem Stuhl. Die Wärme der Hände. Der Boden unter den Füßen. — Oder was immer sich zeigt.
Jetzt zwei Klänge.
Zwei Empfindungen.
Ein Klang.
Eine Empfindung.
Und alles, was sich sonst noch meldet — ein Geräusch, ein Gedanke, eine Unruhe — ist willkommen.
Nichts wegdrücken. Alles einweben.
Was du bekämpfst, wird lauter. — Was du einwebst, trägt dich tiefer.
Die Stimme stimmen
Das Ohr ist das eine Instrument. — Die Stimme das andere.
Summe einen Ton. Leise. — Nur für dich.
Höre nicht, ob er schön ist. — Höre, wo er sitzt.
Sitzt er hoch und vorn, bist du noch nicht ganz angekommen. — Dann noch ein Atemzug. Und noch einmal.
Tiefer wird er nicht durch Drücken. — Nur durch Ankommen.
Die Intention
Lass nun eine Intention zu dir kommen. — Für diesen Dienst. Für heute.
Fünf Worte oder weniger. — Sie muss keinen Sinn ergeben. Sie muss nur stimmen.
Und wenn heute keine kommt — leihe dir eine:
Ich bin da.
Der Ort unterhalb
Spüre einen Ort in dir, der ruhig bleibt. — Was auch immer heute kommt.
Unterhalb deiner Gedanken. — Unterhalb deiner eigenen Geschichte.
Du musst ihn nicht herstellen. Nur finden. — Er ist schon da.
Von diesem Ort aus wirst du hören.
Die zweite Haut
Gib dem Ganzen zum Abschluss einen sanften Schutz.
Eine durchlässige Schicht um dich. — Kein Panzer.
Was kommt, darf dich berühren. Und durch dich hindurchgehen. — Nichts muss bleiben.
Empfangen — ohne zu behalten.
Öffnen
Und nun komm zurück in den Raum. — Schau dich um.
Der Platz ist bereit. — Du bist bereit.
Sprich einmal deinen Gruß. — Halblaut, in den leeren Raum.
So hörst du dich, bevor ein anderer dich hört.
Wenn es klingelt: ein Atemzug. — Dann abheben.
Ich bin da. — Ich halte mit. — Es trägt.
Zwischen den Anrufen
Eine kurze Übung · etwa zwei Minuten
Der Hörer liegt auf.
Atme einmal hörbar aus.
Und lass den Ausatem klingen. — Summe einen Ton. Leise.
Ist er noch offen?
Wenn er eng ist, ist das Gespräch noch in dir. — Eine Auskunft. Kein Urteil.
Und gib ab, was nicht dir gehört. — An den Stuhl. An den Boden. An den Raum.
Wenn das Gespräch schwer war:
Gib die Rolle zurück — wie ein Repräsentant sie zurückgibt.
Was es in dir bewegt hat, gehört dem Team. Der Supervision. Deiner Stille.
Und bevor du wieder abhebst:
Ein Klang.
Eine Empfindung.
Ein Satz.
Ich bin da. — Ich halte mit. — Es trägt.
Der Anfang dieser Übung folgt Stephen Gilligans Praxis-Meditation aus dem Seminar „Pathways to Freedom” (SySt-Institut 2008): der Moment der Stille, die vier Sätze und ihre Betrachtung, teils wörtlich übernommen, teils in den Telefondienst übertragen. Beide Übungen gehören zur Haltung, von der „Beistand geben” erzählt: Heiko Raue, „Beistand geben. Eine Haltung für Gespräche in Krisen, Seelsorge und Begleitung”, 2026.