Die Stimmen dahinter
Portraits zum Buch "Beistand geben"
Jeder Mensch, der begleitet, steht auf den Schultern anderer. Hinter dem stillen Zuhören am Telefon, hinter dem Dableiben, wenn nichts mehr zu sagen ist, stehen Menschen, die vor uns gefragt, gehört und ausgehalten haben — Philosophen, Ärztinnen, Therapeuten, ein Ingenieur, ein Mönch, eine Familientherapeutin.
Diese Portraits erzählen von ihnen. Nicht als Lehrstücke, sondern als Szenen: ein Frosch, dessen Auge bewies, dass niemand die Welt sieht, wie sie ist. Eine Frau, die fünfzig Jahre lang die Bewegung eines Geliebten nähte. Ein Dorf, das feierte, ohne dass jemand es steuerte. Jede Szene trägt einen Gedanken, ohne ihn zu erklären — und jeder Gedanke führt zurück zu der einen Frage, um die das Buch kreist: Was geschieht, wenn ein Mensch einem anderen wirklich beisteht?
Das Buch „Beistand geben“ versammelt in seinem Kapitel „Die Stimmen dahinter“ eine eigene Auswahl solcher Zeugen. Die Portraits hier auf der Website sind ihre Erweiterung: weitere Stimmen, für die im Buch kein Raum war — denn das Buch folgt dem Leitsatz „ein Raum, nicht viele Räume“. Wer möchte, kann sie einzeln lesen; zusammen bilden sie eine kleine Ahnengalerie des Zuhörens.
Es lohnt sich, sie langsam zu lesen. Eine nach der anderen. So, wie man einem Menschen zuhört.
Ich bin da. Ich halte mit. Es trägt.
Nāgārjuna
Die Leere, die trägt
Von diesem Mann wissen wir fast nichts.
Zweites Jahrhundert, Südindien.
Mehr ist kaum gesichert.
Kein Geburtsort, kein Gesicht, keine verbürgte Begegnung.
Von dem Mann, der lehrte, dass nichts einen festen Kern besitzt, ist kein fester Kern überliefert.
Nur seine Stimme.
Die Verse aus der Mitte.
Und die genügen, um ihn hierher zu bitten.
Denn Nāgārjuna hat einen einzigen Gedanken zu Ende gedacht.
Nichts besteht aus sich selbst.
Die Tasse ist Tasse durch den Ton, den Töpfer, den Tee und den Durst.
Nimm eines davon weg, und sie ist etwas anderes.
Alles entsteht in Abhängigkeit.
Alles ist Gewebe.
Das nennt er Leere.
Und meint damit nicht: Nichts.
Er meint: Nichts steht allein.
„Was in Abhängigkeit entsteht,
das nennen wir Leerheit.
Und eben dies
ist der Weg der Mitte.“
Für das Denken hat Nāgārjuna ein Werkzeug hinterlassen.
Das Tetralemma.
Auf jede Frage gibt es nicht zwei Antworten, sondern vier.
So. — Anders. — Beides. — Keines von beiden.
Und manchmal, zeigt er, trägt keine der vier.
Genau dort öffnet sich die Mitte.
Achtzehnhundert Jahre später geschieht etwas Merkwürdiges.
In München beginnen zwei Menschen, diese vier Positionen in Räume zu legen.
Das Eine. Das Andere. Beides. Keines von beiden.
Und eine fünfte, freie Position dazu: all dies nicht — und selbst das nicht.
Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd machen das Tetralemma begehbar.
Menschen stehen auf Nāgārjunas Gedanken und spüren, wo es weitergeht.
Die älteste Stimme dieses Kapitels ist zugleich seine jüngste Methode.
Und für den, der zuhört, hält die Leere einen Trost bereit, den kein festes Weltbild geben kann.
Wenn nichts aus sich selbst besteht, dann besteht auch kein Schmerz aus sich selbst.
Er ist entstanden — aus Bedingungen.
Also kann er sich wandeln, wenn die Bedingungen sich wandeln.
Und kein Mensch ist seine Diagnose, seine Schuld, seine Nacht.
Auch das ist Gewebe.
Es trägt — vielleicht heißt das bei Nāgārjuna: Nicht der Boden trägt.
Das Gewebe trägt.
Niemand hängt an einem einzelnen Faden.
Vasubandhu
Die Zunge
Auch von diesem Mann wissen wir wenig Gesichertes.
Viertes Jahrhundert, Purusapura — das heutige Peschawar.
Aber anders als bei Nāgārjuna ist hier eine Geschichte überliefert.
Aufgeschrieben anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tod.
Eine Legende also.
Und Legenden darf man erzählen, wenn man sie beim Namen nennt.
Die Legende erzählt:
Drei Brüder werden in Purusapura geboren, und alle drei heißen Vasubandhu.
Alle drei werden Mönche.
Der älteste nimmt einen neuen Namen an: Asaṅga.
Der mittlere behält den Namen — und wird der brillanteste Gelehrte seiner Zeit.
Er schreibt die Schatzkammer der Lehre, das Abhidharmakośa.
Ein Werk, das man noch heute studiert, sechzehn Jahrhunderte später.
Sein Bruder Asaṅga geht einen anderen Weg.
Zwölf Jahre Meditation, Visionen, der große Weg des Mahāyāna.
Vasubandhu spottet darüber.
Ein System, sagt er, so schwer und beladen, dass nur ein Elefant es tragen kann.
Asaṅga wird alt.
Und er sorgt sich um den Bruder.
Nicht, weil der zu wenig weiß.
Sondern weil er sein Bestes — diesen messerscharfen Verstand, diese Zunge — gegen etwas richtet, das er nicht kennt.
Also stellt sich Asaṅga krank und ruft den Bruder zu sich.
Vasubandhu kommt.
Und hört.
Zum ersten Mal hört er wirklich, was der Bruder lehrt.
Dass uns nichts erscheint, wie es ist.
Dass alle Welt, die wir erleben, Bewusstsein ist, das sich zeigt.
Und dass sich der Grund des Erlebens wandeln kann.
Vasubandhu erkennt zwei Dinge auf einmal.
Die Tiefe dieser Lehre.
Und seine eigene Schuld.
Ich habe verspottet, was ich nicht kannte, sagt er.
Mit dieser Zunge.
Ich werde sie herausschneiden.
Und da sagt Asaṅga den Satz, für den diese Legende in diesem Buch steht:
„Auch wenn du deine Zunge tausendmal
herausschneidest, tilgst du deine Schuld nicht.
Wenn du sie wirklich tilgen willst,
musst du ein anderes Mittel finden.“
Das Mittel ist die Zunge selbst.
Sprich mit ihr, sagt der Bruder.
Lehre mit derselben Zunge, mit der du gespottet hast.
Und so geschieht es.
Vasubandhu schreibt fortan für den Weg, den er verlachte.
Die Zwanzig Verse. Die Dreißig Verse.
Werke, die es wirklich gibt — sie sind das Dokumentierte an dieser Legende.
Aus dem Spötter wird der zweite Gründer der Schule seines Bruders.
Vielleicht ist Asaṅgas Antwort die älteste Formel dessen, was Begleitung kann.
Er beschämt den Beschämten nicht.
Er nimmt die Schuld ernst — und verbietet die Selbstbestrafung.
Nicht das Werkzeug wegwerfen.
Das Werkzeug umwidmen.
Sechzehnhundert Jahre später wird ein Therapeut in Arizona genau dieses Prinzip zu seiner Kunst machen.
Und nachts, am Telefon, ruft oft die Scham an.
Menschen, die sich strafen wollen für das, was sie gesagt, getan, versäumt haben.
Beistand macht dann Asaṅgas Bewegung.
Die Zunge, die verletzt hat, kann trösten.
Man muss sie nicht herausschneiden.
Man muss ihr etwas Neues zu sagen geben.
Alfred Korzybski
Die Hundekekse
Alfred Korzybski ist Ingenieur.
Ein polnischer Adliger, ausgebildet in Warschau, im Denken der Brücken und Träger.
Dann kommt der Erste Weltkrieg.
Korzybski dient als Nachrichtenoffizier, wird verwundet, überlebt.
Und nimmt eine Frage mit aus dem Krieg.
Wenn eine Brücke einstürzt, lernen die Ingenieure daraus.
Die nächste Brücke hält.
Warum stürzen dann unsere Zivilisationen immer wieder ein?
Warum lernt die Menschheit nicht?
Seine Antwort wird ein Lebenswerk: Es liegt an der Sprache.
Wir verwechseln unsere Worte mit der Welt.
Wie er das meint, zeigt er einmal in einer Vorlesung.
Mitten im Satz unterbricht er sich.
Entschuldigung, murmelt er, ich muss kurz etwas essen.
Er holt ein Päckchen Kekse aus seiner Tasche, eingeschlagen in weißes Papier.
Er bietet der ersten Reihe davon an.
Einige Studenten greifen zu.
Guter Keks, nicht wahr?, sagt Korzybski und nimmt sich selbst einen zweiten.
Die Studenten kauen zufrieden.
Dann reißt Korzybski das weiße Papier ab.
Darunter kommt die Originalverpackung zum Vorschein.
Ein großer Hundekopf.
Und die Aufschrift: Hundekekse.
Die Studenten erstarren.
Zwei schlagen die Hände vor den Mund und rennen hinaus.
Dabei hat sich am Keks nichts geändert.
Er schmeckte gut — solange er keinen Namen hatte.
Korzybski wendet sich an den Hörsaal:
Ich habe Ihnen soeben gezeigt, dass der Mensch nicht nur Nahrung isst.
Er isst auch Worte.
Und der Geschmack der Worte übertrifft oft den Geschmack der Nahrung.
Aus dieser Einsicht baut Korzybski seine Wissenschaft von der Sprache.
Ihr berühmtester Satz passt auf einen Bierdeckel:
„Die Landkarte ist nicht das Gebiet.“
Unsere Worte über die Welt sind nicht die Welt.
Sie sind Karten — nützlich, wenn ihre Struktur dem Gelände ähnelt.
Und gefährlich, sobald wir sie mit dem Gelände verwechseln.
Am gefährlichsten, sagt Korzybski, ist ein winziges Wort: ist.
Joe ist ein Dummkopf.
Ich bin ein Versager.
Kein Mensch ist, was er genannt wird.
Auch nicht, was er sich selbst nennt.
Am Telefon gibt es nur Landkarten.
Der Zuhörer sieht das Gebiet nie — er hört nur, wie ein Mensch seine Welt zeichnet.
Und mancher Anrufer, der sagt: Ich bin wertlos, isst seit Jahren ein Wort.
Beistand heißt dann beides zugleich.
Die Landkarte des anderen mit Respekt lesen — sie ist sein Gelände, bis er es neu vermisst.
Und leise wissen: Der Mensch am anderen Ende ist größer als jede Karte von ihm.
Auch als seine eigene.
Paul Watzlawick
Der Hammer
Paul Watzlawick, geboren 1921 in Villach.
Er studiert Philologie und Philosophie in Venedig.
Dann lässt er sich in Zürich zum Therapeuten ausbilden — bei C. G. Jung.
Der junge Mann geht durch die Schule des Mannes, der die Frau verstand, die Schuhe nähte.
Später führt ihn sein Weg nach Kalifornien.
Palo Alto, das Mental Research Institute.
Dorthin, wo aus Batesons Forschung die Familientherapie wurde, wo Satir mitbegründet hatte.
Watzlawick wird einer ihrer klarsten Köpfe.
Von ihm stammt der Satz, den jeder Telefonseelsorger kennen sollte:
Man kann nicht nicht kommunizieren.
Auch Schweigen ist eine Nachricht.
Auch der Anruf, bei dem niemand spricht, spricht.
Wie sehr wir unsere Wirklichkeit selbst bauen, erzählt Watzlawick am liebsten in einer kleinen Geschichte.
Ein Mann will ein Bild aufhängen.
Den Nagel hat er, aber keinen Hammer.
Der Nachbar hat einen.
Also beschließt der Mann, hinüberzugehen und ihn auszuleihen.
Doch auf dem Weg kommt ihm ein Zweifel.
Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will?
Gestern hat er mich nur so flüchtig gegrüßt.
Vielleicht hat er etwas gegen mich.
Ich habe ihm doch nichts getan.
Wenn jemand von mir ein Werkzeug wollte, ich gäbe es sofort.
Warum er nicht?
Solche Leute vergiften einem das Leben.
Und dann bildet er sich auch noch ein, ich sei auf ihn angewiesen.
Bloß weil er einen Hammer hat.
Jetzt reicht es mir wirklich.
Der Mann stürmt hinüber, klingelt, und noch ehe der Nachbar Guten Tag sagen kann, schreit er ihn an:
Behalten Sie doch Ihren Hammer, Sie Rüpel!
Watzlawick hat in wenigen Zeilen gezeigt, wie ein Mensch eine ganze Wirklichkeit erschafft.
Aus nichts.
Aus einem flüchtigen Gruß und den eigenen Gedanken.
Der Nachbar weiß von alldem nichts.
Der Streit hat vollständig im Kopf des einen stattgefunden.
„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat,
sieht in jedem Problem einen Nagel.“
Am Telefon meldet sich oft dieser Mann.
Nicht mit dem Hammer — mit der fertigen Geschichte.
Er hat den flüchtigen Gruß längst gedeutet, die Absage schon gehört, den Streit schon geführt.
Und er ruft an, wenn er selbst schon schreit.
Beistand heißt dann nicht: ihm seine Geschichte ausreden.
Sondern die Stelle finden, an der sie entstanden ist.
Den flüchtigen Gruß, aus dem alles Weitere wuchs.
Und leise fragen: Was, wenn es auch anders gewesen sein könnte?
Nicht: Du irrst dich.
Sondern: Es gäbe noch eine zweite Geschichte.
Manchmal genügt das, damit ein Mensch den Hammer sinken lässt.
Den er nie gebraucht hätte.
Heinz von Foerster
Die heiße Schokolade
Wien, um 1918.
Ein Junge wächst auf zwischen Künstlern und Philosophen.
Der Vater ist im Krieg, in Gefangenschaft.
Die Mutter und ihr Freundeskreis ziehen ihn groß.
In der Nähe wohnt ein Freund der Familie, den alle nur Onkel Ludwig nennen.
Sein Nachname: Wittgenstein.
Eines Tages sitzt der siebenjährige Heinz mit ihm bei einer heißen Schokolade.
Der Onkel fragt, was er einmal werden wolle.
Naturforscher, sagt der Junge.
Dann musst du aber sehr viel wissen, sagt der Onkel.
Aber ich weiß sehr viel, sagt der Junge.
Der Philosoph schaut ihn an.
Und dann sagt er einen Satz, den der Junge sein Leben lang nicht vergessen wird:
Ja — aber eines weißt du nicht.
Wie recht du hast.
Der Junge ärgert sich.
Er versteht den Satz nicht.
Noch nicht.
Heinz wird zunächst etwas anderes als Naturforscher.
Er wird Zauberkünstler.
Mit seinem Vetter Martin denkt er sich immer neue Kunststücke aus.
Ihn fasziniert das Spiel mit der Wahrnehmung des Publikums.
Wie Menschen sehen, was gar nicht da ist.
Und nicht sehen, was vor ihnen liegt.
Später wird er doch Naturforscher.
Physiker, dann einer der Begründer der Kybernetik.
Und im Grunde arbeitet er sein Leben lang an dem Satz aus der Kindheit.
Wir wissen mehr, als wir wissen.
Und wir sehen nicht, dass wir nicht sehen.
Der Beobachter, lehrt er, steht nie außerhalb.
Er gehört immer zu dem, was er beobachtet.
Am Ende seines langen Weges destilliert von Foerster seine ganze Wissenschaft in einen einzigen Satz.
Er nennt ihn den ethischen Imperativ:
„Handle stets so,
dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“
Nicht: Handle richtig.
Nicht: Finde die Lösung.
Sondern: Vergrößere den Raum.
Vielleicht ist das der genaueste Maßstab für ein gutes Gespräch.
Nicht, ob am Ende eine Antwort steht.
Sondern ob der Mensch am anderen Ende mehr Möglichkeiten hat als vorher.
Und wenn es nur eine ist.
Und vielleicht gehört auch der Satz des Onkels ins Ohr des Zuhörers.
Jeder, der anruft, weiß mehr, als er weiß.
Er weiß nur eines nicht.
Wie recht er hat.
Humberto Maturana
Was das Auge des Frosches sieht
Ein junger Biologe aus Chile, am MIT, Ende der Fünfzigerjahre.
Humberto Maturana untersucht das Auge des Frosches.
Die Frage scheint einfach.
Wie bildet das Auge die Welt ab?
Man erwartet: Licht fällt ein, die Netzhaut zeichnet die Welt nach, das Gehirn empfängt das Bild.
Ein Auge wie eine Kamera.
Maturana misst die Nervenfasern, Faser für Faser.
Und findet etwas, das seine Frage zerstört.
Der Frosch bildet die Welt nicht ab.
Sein Auge meldet nicht, was da ist.
Es meldet, was für den Frosch zählt.
Kleines, das sich schnell bewegt — eine Fliege.
Die große, langsame Kuh am Horizont: kommt im Nervensystem nicht vor.
Der Frosch sieht nicht die Welt.
Er sieht seine Welt.
Und Maturana zieht den Schluss, der sein Leben verändert.
Wenn das für den Frosch gilt, gilt es auch für uns.
Kein Nervensystem zeigt die Welt, wie sie ist.
Es bringt eine Welt hervor — nach seiner eigenen Struktur.
Daraus wird ein neues Wort.
Autopoiesis.
Selbst-Erschaffung.
Lebewesen sind Systeme, die sich unablässig selbst hervorbringen.
Geschlossen in ihrer Struktur — und doch berührbar.
Man kann ein Lebewesen nicht instruieren, sagt Maturana.
Man kann es nur anstoßen.
Was es aus dem Anstoß macht, bestimmt es selbst.
Von außen lässt sich nichts hineinlegen.
Das klingt zunächst einsam.
Jeder in seiner eigenen Welt, keiner erreicht den anderen.
Aber Maturana denkt es zu Ende, und es kehrt sich um.
Wenn ich den anderen nicht mit Wahrheit erreichen kann — wie dann?
Seine Antwort ist für einen Naturwissenschaftler ungeheuerlich.
„Die Liebe ist die einzige Emotion,
die den Bereich des anderen erweitert.
Sie ist das Fundament des Sozialen.“
Nicht als Gefühl.
Als biologische Tatsache.
Liebe, sagt Maturana, ist das Gelten-Lassen des anderen als anderer, neben mir.
Der einzige Raum, in dem sich zwei geschlossene Welten wirklich berühren.
Für die Telefonseelsorge ist das keine Poesie, sondern die Beschreibung der Lage.
Du kannst dem Anrufer seine Welt nicht ausreden.
Du kannst ihm deine nicht hineinlegen.
Belehrung erreicht ihn nicht — sie prallt an einer geschlossenen Struktur ab.
Nur eines öffnet den Bereich, in dem er sich verändern kann.
Dass er neben dir gelten darf, wie er ist.
Genau das ist der Anstoß, den kein Argument ersetzt.
Vielleicht ist Beistand die praktischste Anwendung von Maturanas Biologie.
Nicht überzeugen.
Gelten lassen.
Und darauf vertrauen, dass ein Mensch, der gilt, sich selbst bewegt.
George Spencer-Brown
Der Zug im Tunnel
England, Anfang der Sechzigerjahre.
George Spencer-Brown arbeitet als Ingenieur.
Zusammen mit seinem Bruder entwirft er Schaltkreise für die britische Eisenbahn.
Die Aufgabe klingt einfach.
Züge, die in Tunnel einfahren, müssen gezählt werden.
Ein Signal soll wissen: Zug im Tunnel — oder Tunnel leer.
An oder aus.
Markiert oder unmarkiert.
Doch beim Bauen geschieht etwas Verbotenes.
Die Schaltungen der Brüder verwenden Zustände, die es nach der Logik nicht geben darf.
Zwischenwerte.
Imaginäre Zustände — so unmöglich wie die Wurzel aus minus eins.
Die Mathematik sagt: unzulässig.
Die Schaltkreise sagen: Wir funktionieren trotzdem.
Ein anderer hätte das Problem versteckt.
Spencer-Brown tut das Gegenteil.
Wenn die Wirklichkeit funktioniert und die Mathematik sie verbietet, sagt er, dann fehlt eine Mathematik.
Also schreibt er sie.
Neun Jahre arbeitet er an einem schmalen Buch: Laws of Form — Gesetze der Form.
Es beginnt nicht mit einer Definition.
Es beginnt mit einem Befehl, zwei Worte:
„Triff eine Unterscheidung!“
Das ist der Anfang von allem, sagt Spencer-Brown.
Vor jeder Erkenntnis, vor jedem Ding, vor jeder Welt steht ein erster Unterschied.
Ein Raum wird geteilt: innen und außen.
Ein Universum entsteht, indem ein Raum unterschieden wird.
Und am Ende des Buches steht die zweite Pointe.
Das Zeichen der Unterscheidung und der Beobachter, schreibt er, sind in der Form identisch.
Wer unterscheidet, steckt in jeder seiner Unterscheidungen.
Heinz von Foerster liest das Buch und schreibt eine begeisterte Besprechung, die es berühmt macht.
Und in München wird Jahrzehnte später ein Logiker zu einem der besten Kenner dieses Kalküls: Matthias Varga von Kibéd.
Die Aufstellungsarbeit, die er mit Insa Sparrer entwickelt, ist im Kern genau das.
Unterscheidungskunst.
Vielleicht beginnt auch jedes Gespräch so.
Bevor ein Wort fällt, wird eine Unterscheidung getroffen.
Ein Anruf teilt die Nacht in ein Draußen und ein Drinnen.
In den Lärm der Welt — und einen Raum, in dem zugehört wird.
Gute Begleitung erzeugt einen Raum.
Spencer-Brown ist der Mathematiker dieses Satzes.
Ein Raum entsteht, indem man ihn unterscheidet.
Und das Schönste: Die erste Unterscheidung trifft der Anrufende selbst.
Er hat gewählt.
C. G. Jung
Die Frau, die Schuhe nähte
Carl Gustav Jung ist Mitte zwanzig.
Er ist Assistenzarzt am Burghölzli, der psychiatrischen Klinik von Zürich.
Es ist das Jahr 1901.
Auf einer der Frauenstationen lebt eine alte Patientin.
Sie ist seit Jahrzehnten hier.
Sie spricht nicht.
Die Diagnose ist längst gestellt, der Fall längst abgelegt.
Unheilbar.
Aber die alte Frau tut etwas.
Den ganzen Tag macht sie mit Händen und Armen seltsame, rhythmische Bewegungen.
Immer dieselben.
Seit Jahrzehnten.
Niemand beachtet es.
Es gehört zur Krankheit, sagt man.
Jung geht abends spät durch die Station.
Er sieht die alte Frau, die ihre rätselhaften Bewegungen macht.
Und er stellt sich eine Frage, die sonst niemand stellt:
Warum muss das so sein?
Er fragt die alte Oberschwester.
War die Patientin immer so?
Ja, sagt sie.
Aber meine Vorgängerin hat erzählt, sie habe früher Schuhe gemacht.
Jung holt die vergilbte Krankenakte.
Und tatsächlich, da steht eine Notiz.
Die Patientin mache Schusterbewegungen.
So hielten die Schuhmacher damals den Schuh zwischen den Knien.
So zogen sie den Faden durchs Leder.
Genau mit dieser Bewegung.
Kurz darauf stirbt die alte Frau.
Zur Beerdigung kommt ihr älterer Bruder.
Jung fragt ihn:
Warum ist Ihre Schwester damals krank geworden?
Der Bruder erzählt.
Sie hatte einen Schuhmacher geliebt.
Er wollte sie nicht heiraten.
Als er sie endgültig zurückwies, zerbrach etwas in ihr.
Da war es, das Rätsel.
Fünfzig Jahre lang hatten ihre Hände die Bewegungen des Geliebten gemacht.
Sie nähte seine Schuhe, bis zuletzt.
Es war keine sinnlose Störung.
Es war eine Liebesgeschichte, die niemand erfragt hatte.
Jung schreibt später, dieser Fall habe ihm zum ersten Mal gezeigt, dass auch in der Psychose Sinn wohnt.
Von da an galt seine ganze Aufmerksamkeit den bedeutungsvollen Zusammenhängen im scheinbar Sinnlosen.
Und er zieht daraus einen Satz, der sein Werk trägt:
„Der Kranke, der zu uns kommt, ist Träger
einer Geschichte, die nicht erzählt ist
und die in der Regel niemand weiß.
Sie ist das Geheimnis des Patienten,
an dem er zerschellt ist.“
Die eigentliche Therapie, sagt Jung, beginnt erst, wenn diese Geschichte erfragt ist.
Vielleicht beginnt Beistand mit einer einzigen Annahme.
Dass jeder Mensch eine Geschichte trägt, die noch niemand erfragt hat.
Man muss sie nicht deuten können.
Man muss nur fragen.
Und bleiben, bis sie erzählt ist.
Virginia Satir
Der Anruf
Virginia Satir ist fünf Jahre alt, als sie ihren Berufswunsch fasst.
Sie will Detektivin werden.
Eine Kinderdetektivin, die Eltern erforscht.
Sie weiß noch nicht, wonach sie suchen wird.
Aber sie ahnt: In Familien geschieht vieles, das man nicht mit bloßem Auge sieht.
Sechsundzwanzig Jahre später hat sie eine eigene Praxis in Chicago.
Es ist das Jahr 1951.
Sie behandelt eine junge Frau.
Die Diagnose: schizophren.
Sechs Monate arbeiten die beiden zusammen.
Es geht aufwärts.
Dann klingelt das Telefon.
Am Apparat ist die Mutter der jungen Frau.
Sie ist außer sich.
Sie droht mit einer Klage.
Satir habe ihr die Zuneigung ihrer Tochter gestohlen.
Alles in diesem Moment lädt zur Verteidigung ein.
Sich rechtfertigen.
Die Therapie schützen.
Die Drohung abwehren.
Satir tut nichts davon.
Sie hört zu.
Und sie hört zwei Botschaften.
Die Worte drohen.
Aber die Stimme bittet.
Die Worte sagen: Ich verklage Sie.
Die Stimme sagt: Ich habe meine Tochter verloren. Sieht mich denn niemand?
Satir antwortet nicht den Worten.
Sie antwortet der Stimme.
Sie sagt: Kommen Sie doch dazu.
Die Mutter kommt.
Und im Behandlungszimmer geschieht etwas Merkwürdiges.
Die Tochter, die solche Fortschritte gemacht hatte, fällt in ihre alten Muster zurück.
Als wäre nichts gewesen.
Eine andere hätte darin eine Katastrophe gesehen.
Satir sieht zum ersten Mal, wonach die Fünfjährige suchen wollte.
Das Unsichtbare.
Nicht ein kranker Mensch sitzt vor ihr.
Ein Tanz.
Ein Gefüge, in dem jeder den anderen hält — und festhält.
Sie arbeitet mit beiden, bis ein neues Gleichgewicht entsteht.
Dann fragt sie: Gibt es einen Vater?
Sie lädt ihn ein.
Und später auch den Sohn, den Stolz der Familie.
Mit jedem, der dazukommt, wird das Bild vollständiger.
Aus diesen Sitzungen entsteht etwas, das es vorher nicht gab.
Die Familientherapie.
Man wird Virginia Satir einmal ihre Mutter nennen.
Sie selbst sagt später:
„Die Familie ist ein Mikrokosmos.
Wer eine Familie heilen kann,
kann die Welt heilen.“
Alles begann mit einem Anruf.
Und mit einem Menschen, der in einer Drohung eine Bitte hörte.
Vielleicht ist das die ganze Kunst.
Die Worte sagen, was jemand verlangt.
Die Stimme sagt, was jemand braucht.
Beistand antwortet der Stimme.
Peter Levine
Der Tiger
Es ist das Jahr 1969.
Peter Levine ist ein junger Forscher in Kalifornien.
Er untersucht, was Stress mit dem Körper macht.
Ein Arzt schickt ihm eine Patientin.
Nancy.
Sie leidet seit Jahren.
Panikattacken.
Migräne.
Erschöpfung.
Niemand hat ihr helfen können.
Levine beginnt mit einer einfachen Entspannungsübung.
Und dann geschieht das Gegenteil von Entspannung.
Nancy stürzt in eine Panikattacke.
Ihr Herz rast.
Sie erstarrt.
Sie kann sich nicht bewegen.
Levine sitzt daneben.
Er ist selbst wie gelähmt.
Er weiß nicht, was er tun soll.
Er ist ein Forscher, kein Therapeut.
Und in diese Ratlosigkeit hinein taucht ein Bild in ihm auf.
Wie aus einem Traum.
Ein Tiger.
Geduckt, zum Sprung bereit.
Levine hört sich selbst rufen:
„Ein Tiger jagt Sie, Nancy!
Sehen Sie den Tiger!
Laufen Sie!
Klettern Sie auf den Baum!“
Und Nancys Beine beginnen zu laufen.
Im Sitzen.
Ihre Beine pumpen, als würde sie rennen.
Um ihr Leben rennen.
Dann kommt ein Zittern.
Es geht in Wellen durch ihren ganzen Körper.
Fast eine Stunde lang.
Levine tut nichts.
Er bleibt.
Er lässt es geschehen.
Als das Zittern abklingt, erinnert sich Nancy.
Sie ist vier Jahre alt.
Eine Mandeloperation.
Sie wird auf den Tisch gedrückt.
Festgehalten.
Betäubt.
Sie kann nicht weg.
Ihr ganzer Körper will fliehen.
Und darf nicht.
Zwanzig Jahre später, in Levines Raum, holt der Körper die Flucht nach.
Er läuft den Weg zu Ende, der ihm damals versperrt war.
Die Panikattacken kommen nicht wieder.
Levine hat nichts repariert.
Er hat nichts erklärt.
Er hat einen Fluchtweg geöffnet.
Und ist geblieben, während ein Körper sich erinnerte, wie man sich rettet.
Später schreibt Levine:
„Trauma ist nicht das, was uns geschieht.
Sondern das, was wir in uns festhalten —
wenn ein mitfühlender Zeuge fehlt.“
Vielleicht ist Beistand genau das.
Der Zeuge, der da ist.
Damit ein Mensch zu Ende bringen kann, was er allein nicht zu Ende bringen konnte.
Karlfried Graf Dürckheim
Der Bauch
Ein deutscher Graf in Japan, in den Jahren vor dem Krieg.
Karlfried Graf Dürckheim ist Psychologe, Diplomat, ein Mann des Kopfes.
Er lernt Bogenschießen.
Nicht, um zu treffen.
Um etwas zu verstehen, das im Westen kein Wort hat.
Der Meister sagt ihm: Du zielst mit den Augen.
Du spannst mit den Armen.
Du willst treffen.
Und deshalb triffst du nicht.
Dürckheim übt Monate.
Und begreift langsam, worauf der Meister deutet.
Es gibt eine Mitte im Menschen, tiefer als der Kopf.
Die Japaner nennen sie Hara.
Der Bauch.
Nicht als Organ.
Als Ort, an dem ein Mensch ruht, wenn er aufhört, sich festzuhalten.
Wer aus der Mitte lebt, sagt der Meister, muss nicht mehr zielen.
Der Pfeil löst sich von selbst.
Nicht ich treffe.
Es trifft.
Dürckheim wird diesen Gedanken sein Leben lang nicht mehr loslassen.
Der Westen, erkennt er, hat den Menschen ganz nach oben verlegt.
In den Kopf, in das Ich, in die Anstrengung.
Wir stemmen uns gegen das Leben.
Wir wollen, wir planen, wir halten fest.
Und je fester wir halten, desto weniger trägt uns etwas.
Hara ist das Gegenteil.
Ein Schwerpunkt, der nicht im Denken liegt.
Ein Mensch mit Hara steht wie ein Baum im Wind.
Er ist nicht starr.
Und er kippt nicht um.
Er gibt nach und bleibt.
Nach dem Krieg, zurück in Deutschland, macht Dürckheim daraus eine Arbeit mit Menschen.
Nicht die Krankheit heilen, sagt er.
Den Menschen zu seiner Mitte zurückbringen.
„Der Therapeut ist nicht der, der heilt —
der mit seinem Können eingreift;
er ist Therapeut im ursprünglichen Sinn des Wortes:
ein Gefährte auf dem Weg.“
Und das Wichtigste geschieht nicht im Kopf des einen und nicht im Kopf des anderen.
Es geschieht in der Haltung.
Wie ein Mensch sitzt.
Wie er atmet.
Wie er im eigenen Körper zu Hause ist — oder nicht.
Am Telefon sieht der Zuhörer keinen Körper.
Und doch hört er die Mitte.
Manchmal hört er es am Atem.
Den flachen, schnellen Atem der Angst.
Und manchmal, mitten im Gespräch, wird der Atem tiefer.
Etwas senkt sich.
Vom Kopf in die Mitte.
Der Anrufer hat nichts gelöst.
Aber er steht wieder.
Vielleicht ist das eine der stillsten Aufgaben von Beistand.
Nicht die richtige Antwort in den Kopf zu legen.
Sondern dabei zu sein, während ein Mensch in seine Mitte zurückfindet.
Dorthin, wo er nicht mehr zielt.
Und wieder atmet.
Harrison Owen
Das atmende Dorf
Harrison Owen hat ein Jahr lang eine Konferenz organisiert.
Zweihundertfünfzig Teilnehmer.
Programme, Redner, Zeitpläne.
Ein Jahr Arbeit.
Die Konferenz wird ein Erfolg.
Und dann liest er die Rückmeldungen.
Die Teilnehmer schreiben, was ihnen am meisten gegeben hat.
Es sind die Kaffeepausen.
Nicht die Vorträge.
Nicht das Programm.
Die Pausen dazwischen.
Ein anderer wäre gekränkt gewesen.
Owen wird nachdenklich.
Er stellt sich eine Frage:
Was wäre, wenn eine ganze Konferenz so lebendig wäre wie eine Kaffeepause?
Und während er darüber nachdenkt, kommt ihm eine Erinnerung.
Balamah.
Ein kleines Dorf im Landesinneren von Liberia.
Owen war dort als junger Mann, Ende der Sechzigerjahre, als Fotojournalist.
Gast des Häuptlings.
Er durfte etwas miterleben, das nur alle sieben Jahre geschieht.
Die Jungen des Dorfes werden zu Männern.
Vier Tage lang.
Fünfhundert Menschen.
Rituale, Reden, Trommeln, Tanz.
Alles greift ineinander.
Nichts gerät durcheinander.
Und Owen sucht vergeblich nach dem, was es in seiner Welt immer gibt.
Ein Planungskomitee.
Es gibt keines.
Niemand steuert.
Niemand koordiniert.
Die Feier bewegt sich vom Rand des Dorfes zur Mitte.
Und wieder zurück.
Sie schwillt an und ebbt ab.
Wieder und wieder.
Später schreibt Owen:
„Es war, als würde das Dorf atmen.
Und so wie das Atmen kein Planungskomitee
braucht, brauchte auch Balamah keines.“
Aus dieser Erinnerung entsteht Open Space.
Konferenzen ohne Tagesordnung.
Die Menschen sitzen im Kreis.
Denn ein Kreis hat kein Oben und kein Unten, kein Vorne und kein Hinten.
Niemand hat je von einem Viereck von Freunden gehört.
Was besprochen werden will, bringen die Menschen selbst mit.
Owen öffnet nur den Raum.
Und vertraut.
Millionen Menschen in über hundert Ländern haben seither in solchen Räumen gearbeitet.
Der Raum trägt.
Vielleicht gilt das auch im Kleinsten.
Im Gespräch zwischen zwei Menschen.
Der Begleiter muss das Gespräch nicht steuern.
Er muss keinen Plan haben.
Er öffnet einen Raum.
Und das Leben darin findet seinen eigenen Rhythmus.
Es atmet.
Auch ohne uns.
Gerade dann.
Gregory Bateson
Die Krabbe
Gregory Bateson steht vor einer Klasse junger Künstler.
San Francisco, eine Kunsthochschule.
Er ist Anthropologe, Biologe, ein Wanderer zwischen den Wissenschaften.
Die jungen Leute vor ihm sind keine Wissenschaftler.
Ein Glück, wird er später sagen.
Denn ihr Blick ist ein ästhetischer.
Auf dem Tisch liegen zwei Papiertüten.
Aus einer nimmt Bateson eine Krabbe.
Er legt sie vor die Klasse.
Dann stellt er seine Aufgabe:
Überzeugt mich, dass dieses Ding der Rest eines Lebewesens ist.
Die Studenten schauen.
Zögern.
Dann die erste Beobachtung: Sie ist symmetrisch.
Die rechte Seite gleicht der linken.
Dann die zweite: Aber die eine Schere ist größer als die andere.
Also doch nicht symmetrisch.
Die Klasse stockt.
Und dann sagt jemand den Satz, auf den Bateson gewartet hat, ohne es zu wissen:
Ja — aber beide Scheren bestehen aus denselben Teilen.
Bateson ist entzückt.
Was für ein schöner, edler Satz, schreibt er später.
Denn der Sprecher hat, ganz beiläufig, die Größe in den Papierkorb geworfen.
Nicht die Größe zählt.
Die Verhältnisse zählen.
Erst die Beziehungen, dann die Dinge.
Und eure eigene Hand, sagt Bateson, ist genauso gebaut.
Dieselben Teile, andere Proportionen.
Der Krebs und du — verwandt im Muster.
Daraus wird die Frage, die Batesons ganzes Werk trägt:
„Welches Muster verbindet den Krebs
mit dem Hummer und die Orchidee
mit der Primel — und alle vier mit mir?
Und mich mit dir?“
Ästhetisch sein, sagt Bateson, heißt: empfänglich sein für das Muster, das verbindet.
Vielleicht gibt es zwei Arten, einen Menschen anzuschauen.
Die eine fragt: Was ist kaputt?
Die andere fragt: Was verbindet?
Die erste Frage macht aus dem Gegenüber einen Fall.
Die zweite macht ihn zum Verwandten.
Beistand beginnt mit der zweiten Frage.
Auch beim fremdesten Anrufer, auch um drei Uhr nachts:
Und mich mit dir?
Charles Sanders Peirce
Der Name des Freundes
Bertrand Russell nannte ihn den größten Denker, den Amerika je hervorgebracht hat.
Charles Sanders Peirce: Logiker, Begründer des Pragmatismus, Vater der Zeichenlehre.
Ein Jahrhundertgeist.
Und ein gescheitertes Leben.
Peirce verliert seine Universitätsstellung und bekommt nie wieder eine.
Die akademische Welt schließt ihre Türen.
Mit seiner Frau Juliette lebt er auf einem Landgut bei Milford, Pennsylvania, das sie Arisbe nennen.
Es wird zur Armutsfalle.
Kein Einkommen, kalte Winter, Schulden.
Und er schreibt.
Über hunderttausend Seiten wird man nach seinem Tod finden.
Der größte Logiker Amerikas, schreibend gegen den Hunger.
Aber ein Freund bleibt.
William James.
Berühmt geworden mit einer Philosophie, die Peirce begründet hat.
James verschweigt das nicht — er sagt es öffentlich, in seinen Büchern: Der Ursprung liegt bei Peirce.
1897 widmet er ihm sein Buch „Der Wille zum Glauben“.
Zweimal verschafft er ihm bezahlte Vorlesungen in Harvard.
Und dann, ab 1907, tut James etwas, das kein großer Auftritt ist.
Jedes Jahr schreibt er Briefe an seine Freunde in Boston.
Jedes Jahr bittet er sie um Geld für Peirce.
Ein stiller Fonds, Jahr für Jahr erneuert.
Beistand in Raten.
1910 stirbt William James.
Und jetzt geschieht das Bemerkenswerte: Der Fonds stirbt nicht mit ihm.
Die Freunde führen ihn weiter.
Der Beistand hat seinen Stifter überlebt.
Peirce dankt auf seine Weise.
Er setzt James’ ältesten Sohn als seinen Erben ein.
Und in seinen späten Schriften erscheint ein neuer Mittelname.
Santiago.
Sankt Jakob.
Auf Englisch: Saint James.
Charles Santiago Sanders Peirce.
Schon James’ Witwe erzählte, das sei sein Dank gewesen: Er habe den Namen des Freundes in den eigenen aufgenommen.
Ob es so war, weiß niemand sicher — der Name taucht früher auf, die Gelehrten streiten bis heute.
Aber dass alle, die die beiden kannten, es sofort glaubten, erzählt genug über diese Freundschaft.
Derselbe Peirce hat, mitten in den Hungerjahren, einen Aufsatz über die Liebe geschrieben.
Die Welt wächst nicht durch Strenge, steht darin.
Sie wächst durch eine Liebe, die pflegt, was noch nicht liebenswert ist:
„Die Liebe, die im Hassenswerten
Keime des Liebenswerten erkennt,
wärmt es allmählich ins Leben.“
Alle anderen Stimmen dieses Kapitels geben Beistand.
Diese eine empfängt ihn.
Vielleicht gehört sie gerade deshalb hierher.
Denn wer begleitet, sollte wissen, wie Empfangen aussieht.
Es ist selten ein großer Auftritt.
Meistens ist es ein Rundbrief, jedes Jahr wieder.
Treue in Raten.
Und wer je so gehalten wurde, trägt den Namen des Freundes weiter.
Irgendwo.