Am Telefon | Heiko Raue

Am Telefon

Beistand ist die Kunst, so zu schauen, dass ein Mensch beginnt, sich selbst wieder zu sehen.

Diese Gedanken kommen aus Diensten am Telefon. Was in den Gesprächen gesagt wurde, bleibt dort — erzählt wird nur, was solche Stunden mit einem machen.

Ohne Abschied
Nach einem Anruf.

Früher Morgen am Telefon. Eine müde Stimme: eine Krise, sagt der Mann, er könne nicht mehr. Seit langem ein Geräusch im Ohr, das nicht aufhört – nachts nicht, tags nicht. Drei Stunden Schlaf. Die Tage im Bett. Er sagt beide Wörter selbst, Tinnitus und Depression, nüchtern, wie man Dinge nennt, die man lange kennt. Und dann, sehr klar: Eine Erklärung brauche er nicht. Er brauche eine Lösung.

Eine Lösung hatte ich nicht. Ich hatte ein Angebot: einen kleinen Moment gemeinsam bei dem Geräusch zu bleiben, statt vor ihm davonzulaufen – hinzuspüren, was es in ihm auslöst. Da ändert sich nichts, sagte er. Es sei störend. Und peinlich. Das Wort habe ich behalten: peinlich – als müsste er sich für ein Geräusch schämen, das er sich nicht ausgesucht hat. Dann sagte er noch einmal, wie wenig er geschlafen hatte.

Und dann war die Leitung tot. Kein Abschied, kein Ton der Verstimmung, nichts. Mein nächster Satz war schon unterwegs und kam nie an.

Ich blieb noch eine Weile sitzen. Warum? Hat er aufgelegt – enttäuscht, verärgert, zu erschöpft für einen Satz mehr? Ist ihm der Hörer aus der Hand gefallen? Hat die Technik das Gespräch gekappt? Ist er eingeschlafen, mitten am Morgen, nach der wievielten Nacht mit drei Stunden? Ich ging das Gespräch wieder durch und suchte die Stelle, an der ich ihn verloren haben könnte. Vielleicht gibt es sie. Vielleicht gibt es sie nicht. Ich werde es nicht erfahren.

Irgendwann fiel mir die Symmetrie auf. Er wollte eine Lösung und keine Erklärung – und ich hatte keine Lösung. Jetzt will ich eine Erklärung und keine Lösung – und er kann mir keine geben. Für einen Moment waren wir uns ähnlicher, als das kurze Gespräch vermuten lässt: zwei Menschen, die etwas brauchen, das gerade nicht zu haben ist.

Am Telefon gehören einem die Enden nicht. Menschen kommen unangekündigt, und manche gehen genauso. Man erfährt nicht, wie ihre Geschichte weitergeht, nicht einmal, wie das Gespräch endete – ob es überhaupt ein Ende hatte oder nur einen Riss. Auch das lernt man in diesem Dienst, langsamer als alles andere: mit offenen Enden zu leben, die keine Deutung bekommen.

Auf mein Warum gibt es keine Antwort. Es gibt nur eines, und das ist keine Erklärung, sondern ein Umstand: Wenn er wieder wählt, heute Nacht oder irgendwann, nimmt wieder jemand ab.

Geländer
Bei langen Gesprächen.

Es gibt Gespräche am Telefon, die kreisen. Neulich eines: ein Mann, am Morgen. Ob ich ein paar Minuten Zeit habe, fragt er.

Aus den Minuten wird eine Dreiviertelstunde. Worum es geht, gehört ihm. Was gesagt ist, kommt wieder, mit ganzer Kraft, als wäre es noch nie gesagt worden.

Immer wieder fragt er, ob ich verstehe, wie er es meint. Ich sage ja, und ich meine es. Viel mehr wird es nicht; von mir bleibt es bei einer Handvoll Sätzen, die länger sind als ein Ja.

Einmal frage ich, was für ihn gerade am schwersten ist. Er setzt an. Dann schließt sich der Kreis wieder. Und einmal, mitten im Kreisen, sagt er leise, er wolle eigentlich gar nicht streiten. Dann geht es weiter.

In solchen Gesprächen weiß ich oft nicht, was ich eigentlich tue. Ich höre zu, ich sage etwas, und es kreist weiter. Und irgendwann meldet sich eine zweite Frage, leiser als die erste und unangenehmer: Wann darf ich aufhören? Wie beendet man ein Gespräch, das nicht enden kann? Und was, wenn ich es falsch mache?

Ich merke dann, dass ich nach etwas greife. Nach einer Regel, einem Verfahren, einem Satz, der sagt: jetzt. Nach einem Geländer. Geländer sind eine gute Sache. Sie stehen fest, sie sind für alle gleich, und sie entscheiden nichts. Aber mitten im Gespräch ist da keins.

Da ist etwas, das kein Geländer ist. Halt sucht man außen; man greift ihn mit der Hand. Haltung ist, was übrig bleibt, wenn außen nichts zu greifen ist. Auf die Frage nach dem Aufhören sagt sie nichts. Sie macht nur, dass ich sie stellen kann, ohne zu fallen.

Irgendwann endet auch dieses Gespräch. Ob zur richtigen Zeit, weiß ich nicht. Nächste Woche hebe ich wieder ab.

„Es trägt auch den, der trägt.“ – aus: Beistand geben.

Zwei Stühle
Nach einem Experiment.

Eine Frau ruft an, am Morgen. Sie hat in den letzten Tagen vieles über sich verstanden, sagt sie. Aber das Verstehen allein macht es nicht leichter.

Ich frage, ob sie zu Hause ist. Dann frage ich, ob sie zwei Stühle hat. Sie stellt sie auf. Der eine steht für heute. Der andere für früher. Mehr erzähle ich nicht; es ist ihre Geschichte.

Sie legt das Telefon auf den Tisch; der Lautsprecher ist an. Von da an bin ich nur noch ein Wort im Zimmer.

Es ist ein kurzes Wort. Jetzt. Jedes Mal, wenn ich es sage, geht sie von dem einen Stuhl zu dem anderen. Fünf-, sechsmal hin und her. Dazwischen frage ich, was nun anders ist.

Was sie an den beiden Stühlen findet, erzähle ich auch nicht. Gegen Ende des Gesprächs atmet sie einmal hörbar durch. Sie will sich draußen, beim Spazierengehen, zwei Stellen aussuchen und weiter üben. Manches lässt sich nicht besprechen. Aber es lässt sich gehen.

Vielleicht geht sie gerade.

Die Übung folgt den Systemischen Strukturaufstellungen von Insa Sparrer (SySt®-Institut, München).

Aquarell einer Meeresschildkröte, die dem Licht entgegenschwimmt

Wo Erklärung und Schweigen beide möglich sind, prüfe zuerst das Schweigen.
Where both explanation and silence are possible, attend to the silence first.

Dieselbe Zurückhaltung trägt auch diese Seite: lieber zu wenig als zu viel.
The same restraint holds for this page, too: better too little than too much.

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