Gesehen, gelesen, gehört | Heiko Raue

Gesehen, gelesen, gehört

Beistand ist die Kunst, so zu schauen, dass ein Mensch beginnt, sich selbst wieder zu sehen.

Manchmal beginnt ein Gedanke bei etwas, das andere geschaffen haben — ein Theaterabend, ein Video, ein Buch, ein Konzert. Diese Essays erzählen, was davon mit nach Hause kam.

Halten, ohne festzuhalten
Nach einem Theaterabend: "Weltwärts" von Noah Haidle

Manche Theaterabende gehen mit einem nach Hause. Vor einiger Zeit habe ich „Weltwärts“ von Noah Haidle gesehen – die Geschichte einer unheilbar kranken jungen Frau, die sich für einen selbstbestimmten Tod entscheidet und mit ihrer Familie eine Abschiedszeremonie gestaltet. Der Abend gibt keine einfachen Antworten. Er zeigt menschliche Nähe: mitten in Angst, Abschied, Streit, Humor, Liebe und Überforderung.

Im Mittelpunkt steht Anna. Sie möchte ihr Leben und ihr Sterben zu ihrem eigenen machen – gesehen werden, nicht nur als Kranke, sondern als Mensch mit Geschichte, Sehnsucht, Schuld, Angst, Liebe und Würde. Am Ende versucht sie nicht, ihr Leben zu erklären oder zusammenzufassen. Sie dankt. Für die Menschen. Für die gemeinsame Zeit. Als wäre das, was bleibt, nicht die Geschichte eines Lebens, sondern die Verbundenheit, die darin entstanden ist.

Ihre siebenjährige Tochter Rose fragt immer wieder: „Was werden Deine letzten Worte sein?“ Darin steckt etwas sehr Menschliches – die Sehnsucht, dem Abschied Bedeutung zu geben, den geliebten Menschen nicht einfach verschwinden zu lassen. Und Rose spricht davon, dass ein Mensch nach seinem Tod weiterlebt: in Erinnerungen, Gesten, Stimmen, im Wind, im Regen. Dass uns nicht die Schwerkraft zusammenhält, sondern Liebe. In der Seelsorge suchen Menschen oft genau das – die Gewissheit, dass jemand bleibt, auch wenn er geht.

Eine zentrale Figur ist Annas Mutter Dorothy, eine Hebamme, die später auch Sterbende begleitet hat. Sie sagt, dass Menschen am Anfang und am Ende des Lebens oft dasselbe brauchen: Ruhe, Sicherheit, Nähe – jemanden, der die Angst mitträgt. Und ausgerechnet sie, die so klar über das Loslassen sprechen kann, kommt an die Grenze ihrer eigenen Haltung, als es um die Tochter geht. Plötzlich ist sie nicht mehr Begleiterin, sondern Mutter: „Als Mutter ist meine Aufgabe, Dich festzuhalten und zu beschützen.“ Gerade darin lag für mich eine große Wahrheit. Es gibt Momente, in denen Menschen trotz aller inneren Klarheit einfach lieben, festhalten, nicht verlieren wollen.

Annas Schwester versucht, den Wunsch ihrer Schwester zu respektieren – und kämpft zugleich verzweifelt dagegen an: „Ich will Dich loslassen. Aber ich will mehr Zeit.“ Diese Gleichzeitigkeit wirkte auf mich sehr wahr. Menschen können lieben und festhalten wollen. Sie können verstehen – und dennoch protestieren. In der Telefonseelsorge begegnet uns diese Ambivalenz immer wieder: bei Krankheit, Trennung, Sterben und anderen existenziellen Krisen.

Auch die anderen Figuren des Abends erzählen davon, was hinter dem Sichtbaren liegt – hinter der Härte eines Polizisten die Trauer eines Sohnes, hinter dem anstrengenden Verhalten eines Nachbarn die Einsamkeit, hinter Humor und Ritual der Versuch, Angst und Schmerz gemeinsam zu tragen.

Und dann ist da der Geigenlehrer Louis mit seiner Liebeserklärung: „Ich will Dich nicht festhalten. Wenn das Dein Weg ist, lasse ich Dich los.“ Gerade weil darin kein Besitzanspruch mehr lag, sondern Liebe und Freiheit zugleich, hatte diese Szene große Tiefe.

Ein Gedanke blieb mir vom ganzen Abend: Liebe lässt los – und will doch halten. Menschen wollen gesehen, gehalten und erinnert werden – und sie wollen einander freigeben. Das ist fast ein Widerspruch – und doch keiner. Vielleicht ist genau diese Spannung der Kern von Begleitung: jemanden halten, ohne ihn festzuhalten.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Die Menschen in diesem Stück sind nicht nur traurig. Sie lachen, streiten, essen gemeinsam, erinnern sich, gestehen Schuld, haben Angst – und hoffen trotzdem weiter. Bei der Abschiedszeremonie am Ende stand nicht Perfektion im Mittelpunkt, sondern Beziehung. Nicht das richtige Wort – sondern das Dasein.

Vieles daran hat mich an unsere Arbeit erinnert. Oft geht es in der Telefonseelsorge nicht darum, Antworten zu haben oder Probleme zu lösen. Sondern darum, Menschen in existenziellen Momenten beizustehen – zuzuhören, mit auszuhalten, Würde zu bewahren und dazu beizutragen, dass sich jemand weniger allein fühlt. Vielleicht gehört genau das zum Wertvollsten, was wir tun können.

Für die, die bleiben
Nach einem Konzertabend.

Ein Requiem ist eine Totenmesse. Ich saß im Konzert und wartete auf die Worte, die dazugehören: die Bitte um ewige Ruhe, das Gericht, den Tag des Zorns. Stattdessen hob der Chor ganz leise an, und die ersten Worte galten nicht den Toten. Sie galten denen, die zurückbleiben: Selig sind, die da Leid tragen.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was da geschieht. Brahms hat die Texte selbst zusammengestellt, und er hat weggelassen, was einer Totenmesse sonst ihr Gewicht gibt – den Zorn, das Urteil, die Fürbitte für die Seelen. Es bleibt keine Antwort auf die Frage, warum. Die Musik wendet sich um: weg von den Toten, hin zu den Trauernden.

Ich kenne diese Umwendung aus Gesprächen. Wenn ein Mensch einen Verlust erlitten hat, liegt die Versuchung nahe, über den Tod zu sprechen – ihn einzuordnen, ihm einen Sinn zu geben, das Warum zu beantworten. Aber auf das Warum gibt es keine Antwort, die trägt. Was trägt, ist etwas anderes: dass jemand sich denen zuwendet, die bleiben.

Vielleicht ist das der Unterschied, den ich an diesem Abend gehört habe. Erklärung spricht über etwas. Trost spricht zu jemandem. Ich will euch trösten, wie Einen seine Mutter tröstet, heißt es später im Requiem. Eine Mutter erklärt nichts. Sie ist da, und ihre Stimme genügt – oft bevor das Kind die Worte überhaupt versteht.

Auffällig ist auch, was der Trauer dabei nicht geschieht: Sie wird nicht ausgeredet. Die mit Tränen säen – die Tränen werden nicht korrigiert, nicht abgekürzt, nicht überstimmt. Sie bekommen Zeit, bis aus ihnen etwas anderes werden kann. Trost kennt keine Eile.

Später las ich, dass Brahms selbst gesagt haben soll, er hätte das Werk auch ein menschliches Requiem nennen können. Genau so hatte es geklungen: wie eine Musik, die den Tod nicht beantwortet, sondern bei denen bleibt, die ihn tragen müssen.

Als der letzte Satz verklang, war es dasselbe Wort wie am Anfang: selig. Zuerst hatte es denen gegolten, die Leid tragen. Jetzt, ganz am Ende, den Toten. Als hätte die Musik gewusst, dass der Weg nur in dieser Richtung geht.

Nach einem Konzertabend mit Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem op. 45 – Texte aus der Lutherbibel, vom Komponisten selbst ausgewählt.

Die Hauptsache
Nach einem Video.

Ein Video, ein Mann Anfang vierzig, das ganze Jahr über definiert. Er erzählt von seiner Ernährung, seinem Training, seiner klaren Linie – in der Sprache, die dieses Genre spricht: abliefern, abrufen, durchziehen, dranbleiben. Er ist, sagt er, eine bessere Version seiner selbst geworden. Man könnte nach einer Minute weiterklicken: noch einer, der seinen Körper zeigt und seine Regeln erklärt.

Aber zwei Stellen passen nicht ins Genre. Die erste: Als Kind, sagt er, und lange noch als Erwachsener, hatte er innerlich oft das Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Die zweite: Sein Sixpack sei nur die Nebenwirkung eines viel größeren Problems, das er gelöst habe. Er sagt es beiläufig, zwischen Trainingsplan und Einkaufsliste. Ich habe zurückgespult.

Von da an sah ich ein anderes Video. Nicht die Muskeln sind seine Geschichte und nicht die Regeln. Seine Geschichte ist ein Junge, der dachte, mit ihm stimme etwas nicht – und der irgendwann zum ersten Mal erlebte, dass er sich nicht ausgeliefert fühlen muss, dass er etwas tun kann. Alles Weitere, die ganze strenge Ordnung, ist seine Antwort auf dieses eine alte Gefühl. Was von außen aussieht wie Härte gegen sich selbst, ist von innen vielleicht das Gegenteil: der erste Frieden mit sich.

Ob seine Antwort für immer reicht, weiß ich nicht; das weiß das Video auch nicht. Mir geht es um etwas anderes. Wir sehen an Menschen fast immer nur die Nebenwirkungen – die sichtbare Ordnung, die Routinen, die strenge oder die lockere Linie – und beurteilen sie danach. Die Hauptsache, das, worauf all das antwortet, bekommt selten jemand zu sehen. Sie steht höchstens beiläufig in einem Nebensatz, zwischen Trainingsplan und Einkaufsliste, und rechnet nicht damit, bemerkt zu werden.

Seither versuche ich, bei Menschen, deren Regeln mir fremd sind, einen Moment länger hinzusehen. Nicht um die Regeln zu verstehen. Sondern um die Frage mitzudenken, auf die sie vielleicht die Antwort sind.

In einer anderen Gestalt
Nach einer Kindergeschichte.

Ein entfernter Verwandter schreibt Geschichten für sein Enkelkind. Der Held ist ein Buntspecht. Seit dem Frühjahr kommen die Geschichten in Abständen bei mir an, und ich lese sie gern: Der Specht baut, brütet, verteidigt ein fremdes Nest, richtet die Familientreffen aus. In der neuesten Geschichte geht er auf eine große Reise. Über ein Wasser, dessen anderes Ufer nicht zu sehen ist. Zu Wasserfällen, die er nur aus Erzählungen kannte. Über weite Ebenen, an eine Felswand, die nur ein einziger Vogel überwinden kann, an einen Gletscher, ans Ende der Welt. Dort steht eine Nebelwand. Wer es wagte, hindurchzufliegen, kam nie wieder zurück. Der Specht und sein Freund überlegen, ob sie es versuchen sollen. Sie haben viel gesehen, die Familien sind versorgt. Dann entscheiden sie sich dagegen und fliegen heim. Unter der Geschichte steht, wie unter allen: Nach einer wahren Geschichte.

Ein paar Wochen vorher lag ein dünnes Heft in meinem Briefkasten. Ein Kapitel aus seiner Autobiografie, als kleines Taschenbuch gedruckt – für die Menschen, die ihm in jener Zeit geholfen haben. Es erzählt von einer Krankheit, die ihn vor Jahren fast das Leben gekostet hätte. Wochen auf der Intensivstation, der Körper voller Schläuche, die Arme fixiert. Und es erzählt, was er in diesen Wochen von innen erlebte: eine Verschleppung. Ein Schiff, das ihn gefesselt über Flüsse und über den Ozean brachte, ans andere Ende der Welt, in die Gegend seiner Kindheit. Er konnte sich nicht rühren, konnte nicht sprechen, und seine Frau versuchte wieder und wieder, ihn von diesem Schiff zu holen. Dazwischen, in einer anderen Schrift, die Notizen der Familie aus denselben Tagen: die Anrufe im Krankenhaus, morgens um fünf. Der Himmel habe ihn nicht gewollt, schreibt er am Ende, die Hölle auch nicht. Deswegen sei er noch einmal hier.

Mit dem Heft im Rücken habe ich die Reisegeschichte noch einmal gelesen. Und ich las dieselbe Reise. Dasselbe Wasser, dieselbe Richtung, dieselbe Gegend der Kindheit. Nur macht er sie diesmal nicht auf dem Rücken liegend, festgeschnallt an ein Bett, das er nicht verlassen kann. Der Specht fliegt. Er rastet, wenn er müde ist, er sammelt Kräfte vor dem großen Wasser, er sucht sich den Baum für die Nacht selbst aus. Und vor der Nebelwand, hinter der niemand zurückkommt, hat er, was der Mann in jenem Herbst nicht hatte: eine Wahl. Er kehrt um.

Einmal schrieb er mir, er sei nicht gläubig. Aber er glaube, dass sein Geist nach seinem Tod in einem Specht weiterleben werde – er arbeite gern mit Holz. Ich habe das damals für einen schönen Satz gehalten. Inzwischen lese ich ihn anders. Der Specht ist ja schon da. Er baut schon, reist schon, kehrt schon heim. Ob er es so meint, weiß ich nicht. Vielleicht ist der Satz gar keine Auskunft über ein Danach, sondern beschreibt nur, was längst geschieht: dass ein Mann sein Leben noch einmal erzählt, in einer Gestalt, die fliegen kann.

Aus Gesprächen kenne ich das: Manche Dinge lassen sich in der ersten Person nicht sagen. Dann erzählt jemand von einem Bekannten, von einem Tier, von einer Figur – und kommt der eigenen Geschichte dabei näher als in jedem Bericht. Man muss diese Gestalten nicht enttarnen. In ihnen lässt sich nachholen, was damals nicht möglich war: rasten. Umkehren. Heimkommen.

Er überträgt die Geschichten von Hand in ein Malbuch und malt die Bilder dazu selbst. Für ein Enkelkind, das noch nicht lesen kann. Unter jeder Geschichte steht derselbe Satz: Nach einer wahren Geschichte.

Ungeschnitten
Bei einem Videodreh.

Unser Chor hatte sich für ein Projekt beworben: Ein kleines Team reist durch das Land und nimmt mit Chören Videos auf. An einem Abend im Juli stand unsere Kirche voller Stative, Kabel und Kameras. Der Tonmeister erklärte den Ablauf: wenig Zeit, drei Stücke, für das letzte würden Kerzen gebraucht, weil bis dahin das Licht von draußen nachlässt.

Dann sagte er etwas, das ich so noch nicht gehört hatte: Geschnitten wird nicht. Jedes Stück wird am Stück gesungen, von vorn bis hinten, und wenn ein Durchgang gelungen ist, dann ist er es ganz. Niemand werde hinterher die beste Stelle aus dem einen und den Schluss aus dem anderen zusammensetzen. Zwei bis vier Durchgänge, mehr nicht – danach sei die Kraft weg.

In einem der Durchgänge musste der Kollege neben mir husten. Er drehte sich weg, sang ein paar Takte nicht und meldete es hinterher selbst: In den Totalen werde man es sehen. Der Tonmeister winkte ab: Das sei das geringste Problem. Ob er meinte, dass es kaum auffällt, oder dass es dazugehört, weiß ich nicht. Der Husten bleibt jedenfalls drin. Er ist jetzt Teil des Stücks.

Später dachte ich darüber nach, warum mich dieser kurze Wortwechsel so erleichtert hat. Ein ganzer Durchgang gilt, mit allem, was darin passiert. Die Alternative wäre eine Fassung, die es nie gegeben hat: zusammengesetzt aus lauter besten Momenten, fehlerfrei und von niemandem je gesungen.

Auch Gespräche sind ungeschnitten. Was gesagt ist, ist gesagt; das Ungeschickte lässt sich hinterher nicht herausnehmen und die gelungene Stelle nicht in ein anderes Gespräch hinüberretten. Vielleicht ist das kein Mangel.

Beim letzten Stück brannten die Kerzen, draußen wurde es dunkel. Nach dem Schlussakkord blieben alle noch einen Atemzug in der Ausstrahlung, länger als im Konzert – die Kameras liefen ja noch. Dann durfte jeder seine Kerze mit nach Hause nehmen. Irgendwo in einer der Aufnahmen, die bleiben, dreht sich neben mir einer weg und hustet.

Neben dem Bildschirm
Bei einem Kongress.

Ein internationaler Kongress unserer Arbeit, in einer Stadt ein paar Länder weiter. Das Thema in diesem Jahr: die menschliche Berührung – was sie ausmacht, was sie kann, und ob eine Maschine sie ersetzen kann. Wir konnten nicht hinfahren. Also saßen wir zu fünft in unserem Gruppenraum, anderthalb Tage lang, vor einem Bildschirm, auf dem der große Saal zu sehen war. Ein paar von unseren Leuten waren wirklich dort. In den Kameraschwenks über die Reihen haben wir nach ihnen gesucht. Gefunden haben wir sie nicht.

Die Vorträge kamen aus vielen Ländern. Ein Hirnforscher erzählte von Fasern in der Haut, die nur auf sanfte Berührung reagieren – von der sechzehnten Lebenswoche an, und noch mit achtzig Jahren. Anderthalb Tage ging es um Nähe und Haut und um die Frage, ob sich Zuwendung berechnen lässt. Ob sie es lässt, weiß ich nach diesen Tagen nicht.

Im Raum selbst ging es unterdessen menschlich zu. Eine Kollegin kam vorbei, die an diesem Tag ihren letzten Dienst am Telefon hatte. Jemand erzählte von einem jungen Anrufer, den ausgerechnet eine KI an uns verwiesen hatte. Es wurde eingeschenkt, notiert, gelacht, widersprochen. Bücher wanderten über den Tisch.

Erst in der Abschlussrunde sagte eine von uns, was anderthalb Tage vor unseren Augen gelegen hatte: dass wir hier zu fünft gesessen und uns ausgetauscht haben – das sei sie ja, die menschliche Berührung. Sie sagte es beiläufig. Vielleicht war es der genaueste Satz dieser anderthalb Tage.

Das ist kein Einwand gegen den Kongress. Die Vorträge waren gut, und wir werden lange davon zehren. Aber das Thema selbst war auf dem Bildschirm nicht zu sehen. Es saß daneben – am Tisch, mit Kaffee, mit einem letzten Dienst, mit Widerspruch. Auf der Bühne wurde die Berührung verhandelt. Im Raum ist sie geschehen.

Am Ende der Runde habe ich mich bedankt. Nicht für die Vorträge – die kamen von weit her und konnten uns nicht hören. Sondern dafür, dass wir das zusammen machen konnten.

Sag sowas nicht
Nach einem Theaterabend.

Wir waren im Theater, in einem Stück über eine Familie. Ein Siebzehnjähriger geht nicht mehr zur Schule; die Eltern, getrennt, tun alles: Er zieht zum Vater, bekommt ein neues Zimmer, eine neue Schule, eine Jacke für die Party. Der Vater sagt Sätze, die jeder Vater sagt. Das gehört zum Leben dazu. Das muss man überwinden. Du schaffst das. Und wieder und wieder, wie ein Refrain durch den Abend: Alles wird gut.

Einmal sagt der Junge zu seiner Mutter, er wolle, dass das aufhört. Sie zieht ihn an sich und sagt: Sag sowas nicht. Sag sowas nie. Es ist der zärtlichste Moment des Stücks – und man sieht, wie dem Jungen aus Liebe das Einzige verboten wird, was er noch von sich zeigen kann. Nicht aus Kälte. Aus Liebe. Aus einer Angst, die sich anfühlt wie Schutz.

Ich saß im Dunkeln und kannte die Sätze des Jungen. Nicht aus dem Theater – aus den Nächten am Telefon. Dort sagen Menschen sie uns, manche zum ersten Mal laut. Am Telefon sitzt niemand, den der Satz zerstören könnte. Vielleicht rufen manche genau deshalb an. Der Satz darf ausgesprochen werden und stehen bleiben, so schwer er ist.

Im Programmheft kommt eine Fachfrau für Suizidprävention zu Wort. Es sei ein Irrglaube, sagt sie, dass man dunkle Gedanken weckt, wenn man offen nach ihnen fragt; das Gegenteil stimme. Ein Notsignal, sagt sie, sucht dringend einen Empfänger. Ich habe das Heft mit nach Hause genommen.

Ob der Junge im Stück zu retten gewesen wäre, weiß ich nicht. Das Stück behauptet es auch nicht. Es zeigt Menschen, die einander lieben und einander nicht erreichen – und wie viele gut gemeinte Sätze zudecken können, was einer noch zeigen wollte.

Am Schluss stellt sich der Vater vor, was hätte werden können: Der Sohn, erwachsen, überreicht ihm seinen ersten Roman, mit einer Widmung. Es ist die schönste Szene des Abends, und sie hat nie stattgefunden. Auf der letzten Seite des Programmhefts stehen Telefonnummern, für junge Menschen und für Eltern. Unsere ist darunter.

Nach einem Besuch von Florian Zellers Schauspiel „Der Sohn“ (Le Fils), Deutsch von Annette und Paul Bäcker.

Lärm im Haus
Nach einer Lektüre.

Ich lese einen alten, fremden Text. Er ist gut hundert Jahre alt und tut, als wäre er noch viel älter: Ein Arzt legt ihn einem Lehrer aus dem zweiten Jahrhundert in den Mund.

Entstanden sein soll er so: Das Haus des Arztes war voller Gespenster, es lärmte darin. Dann setzte er sich hin und begann zu schreiben. Da verschwanden die Gespenster.

Vieles in dem Text bleibt mir fremd: Fülle und Leere, Götter mit dunklen Namen, Licht und Finsternis. Ich gehe hindurch wie durch ein sehr altes Haus, vorsichtig, ohne alles zu verstehen.

Aber mitten darin steht ein Gedanke, der mir bekannt vorkommt: dass Leben Unterscheiden heißt. Dass etwas in uns abstirbt, wo wir aufhören zu unterscheiden. Der alte Text sagt es dunkler und größer. Aber er sagt es.

In Gesprächen ist es oft eine einzige Unterscheidung, die etwas in Bewegung setzt. Was einer getan hat, ist nicht alles, was er ist. Eine gute Unterscheidung nimmt nichts weg. Sie macht aus einem wieder zwei.

Vielleicht sind die Gespenster damals deshalb verschwunden: Es hatte einer angefangen zu unterscheiden.

Angeregt durch: C. G. Jung, Septem Sermones ad Mortuos; die Entstehungsgeschichte nach: ders., Erinnerungen, Träume, Gedanken.

Seit ein paar Tagen
Nach einem Buch.

Seit ein paar Tagen steige ich Treppen anders. Nicht schneller, nicht langsamer – aufmerksamer. Schuld ist ein Buch.

Es stammt von einem Mann, der lange in Japan gelebt hat, und es behauptet etwas Einfaches und Unbequemes: Der Alltag sei keine Zwischenzeit, die vergeht, bis das Eigentliche beginnt. Er sei selbst das Eigentliche – wenn man ihn übt.

Üben heißt in diesem Buch nicht: mehr tun. Kein neues Programm, keine besonderen Stunden. Es genügt, was ohnehin geschieht – aufstehen, gehen, essen, sprechen. Nur eben nicht nebenbei. Es kommt nicht darauf an, was einer tut, sagt das Buch. Es kommt darauf an, wie.

An meine Dienste habe ich dabei zuerst gar nicht gedacht. Dann fiel mir auf: Auch dort wiederholt sich manches – nicht die Gespräche, aber ihr Anfang: die gleiche Meldung. Man kann das Routine nennen. Üben heißt nicht: etwas anderes tun. Üben heißt: das Gleiche anders tun.

Ich habe noch viele Treppen vor mir. Seit ein paar Tagen ist mir das recht.

Angeregt durch: Karlfried Graf Dürckheim, Der Alltag als Übung. Vom Weg zur Wandlung.

Aquarell einer Meeresschildkröte, die dem Licht entgegenschwimmt

Wo Erklärung und Schweigen beide möglich sind, prüfe zuerst das Schweigen.
Where both explanation and silence are possible, attend to the silence first.

Dieselbe Zurückhaltung trägt auch diese Seite: lieber zu wenig als zu viel.
The same restraint holds for this page, too: better too little than too much.

heikoraue.de · © Heiko Raue · Nutzung nur mit Genehmigung · Use only with permission

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.