Beim Lernen | Heiko Raue

Beim Lernen

Beistand ist die Kunst, so zu schauen, dass ein Mensch beginnt, sich selbst wieder zu sehen.

Auch wer begleitet, bleibt Lernender. Diese Gedanken kommen aus Seminaren, Supervision und Mentorat — aus Stunden, in denen einer selbst der Übende ist.

Sätze, die warten
Nach dem Wiederhören eines Seminars.

Vor einiger Zeit habe ich eine alte Aufnahme wieder hervorgeholt: ein Seminar aus dem November 2008, zwei Lehrer im Gespräch, dazwischen eine Übersetzerin, ein voller Raum. Ich wollte es noch einmal hören – aus Gründen, die mit einem Arbeitsvorhaben zu tun hatten und die mir schon nach wenigen Minuten gleichgültig wurden. Denn beim Hören geschah etwas anderes.

Ich weiß noch, was ich damals gehört habe: Vorgehensweisen. Formulierungen, die ich mir notierte, Interventionen, die ich verstehen wollte. Ich hörte als jemand, der lernen will – und das war nicht falsch. Die Aufnahme ist voll von Dingen, die man lernen kann.

Jetzt, beim Wiederhören, ist die Aufnahme dieselbe. Dieselben Stimmen, dasselbe Lachen im Raum. Aber andere Sätze treten hervor. Einer der beiden Lehrer wird etwas gefragt und antwortet nicht – er bleibt bei der Frage, lässt sie im Raum stehen, länger, als es höflich wäre. Damals erschien mir das vermutlich als Umweg. Heute höre ich: Das war keine Vorbereitung auf die Arbeit. Das war die Arbeit.

Und dann ist da ein Satz, mitten im Gespräch, fast im Vorübergehen gesagt: Something is trying to wake up – etwas versucht aufzuwachen. Gemeint ist das, was uns stört, ängstigt oder beschämt: dass darin etwas stecken kann, das nicht bekämpft, sondern empfangen werden will. Ich muss diesen Satz damals gehört haben; in meinen alten Notizen steht er nicht. Er hat achtzehn Jahre gewartet. Verändert hat sich der, der zuhört – dazwischen liegen viele hundert Gespräche und ein Buch.

Vielleicht ist das mit dem Verstehen so: Manche Sätze kommen nicht zu früh und nicht zu spät – wir sind es, die zu früh sind. Sie warten in Aufnahmen, in Büchern, in der Erinnerung an ein Gespräch, geduldiger, als ein Sprecher es je sein könnte. Man kann niemanden zwingen, heute zu hören, was er erst in Jahren hören kann. Aber man kann Sätze so sagen, dass sie warten können.

Seither denke ich in Gesprächen manchmal daran. Nicht alles, was ich sage, muss heute ankommen. Und nicht alles, was mir gesagt wird, habe ich schon ganz gehört – manches davon wartet vermutlich noch. In mir.

Die Aufnahme liegt wieder im Regal. Irgendwann werde ich sie noch einmal hören. Welcher Satz dann an der Reihe ist, weiß ich nicht.

Nach dem Wiederhören von: Stephen Gilligan & Matthias Varga von Kibéd, Pathways to Freedom – Wege zur Freiheit, Seminar am SySt®-Institut, München, November 2008.

Aufrecht
Nach einem Abend Stimmbildung.

Ein heißer Abend, ein Raum unter dem Dach, mitgebrachte Ventilatoren. Stimmbildung im Chor: Wir stehen verteilt im Raum, singen fünf Töne auf O, heben Arme, spüren Schulterblättern nach. Dann ein Experiment. Erste Runde: Singt so, wie ihr gerade steht. Zweite Runde: Stellt euch aufrecht hin – so, als hätte jemand gesagt: Steh gerade! – und singt noch einmal. 

Ich war sicher, wie es ausgehen würde. Aufrecht ist besser; so haben wir es gelernt, von Eltern, Lehrern, Rückenschulen. Aber der Klang widerspricht. Die gemachte Aufrichtung klingt heller und angestrengter, die Stimmen stehen nebeneinander, ohne sich zu verbinden. Die erste Runde dagegen – einfach stehen, wie man eben steht – hat Boden. Die Stimmen mischen sich. Und zugleich, das macht den Abend ehrlich: Nicht alle im Raum empfinden es so. Manche fühlen sich aufgerichtet wohler, präsenter, offener. Beides darf stehen bleiben; niemand wird korrigiert. 

Dann der Satz des Abends: Es gibt eine Aufrichtung – aber sie geschieht hinten, im Rücken, nicht vorn. Die gemachte Aufrichtung hebt die Brust und spannt das Gesicht. Die gefundene beginnt dort, wo wir uns selbst nicht sehen können. Eine Übung führt uns tief nach unten, fast in die Hocke, uralt und unfeierlich – und dann, langsam, Wirbel für Wirbel, wieder nach oben. Am Ende steht man aufrecht, ohne sich aufrecht gemacht zu haben. 

Nebenbei fällt ein zweiter Satz, bei einer Übung mit der Balance: Solange der Körper fürchtet umzufallen, verweigert er die tiefe Einatmung. Erst wenn nichts mehr passieren kann, atmet er. Der Satz galt dem Gleichgewicht. Er reicht weiter. 

Auf dem Heimweg denke ich an das Wort Haltung, das wir auch für Gespräche verwenden. Vielleicht gilt dort dasselbe. Eine Haltung, die man sich vornimmt – zugewandt wirken, ruhig wirken, professionell wirken –, erzeugt genau die Spitzen, die sich mit niemandem mischen. Eine, die von hinten kommt, aus dem,was einen aufgerichtet hat, muss nichts vorzeigen. Man hört den Unterschied nicht an den Worten. Man hört ihn am Boden darunter. 

Am Ende des Abends singen wir noch, ein Sommerlied in einem heißen Raum. Niemand steht mehr gerade. Aber alle aufrecht.

Die dritte Frage
Beim Weiterhören eines Seminars.

Ich habe das Seminar von damals weitergehört. Diesmal bin ich an einer Frage hängen geblieben, die nach einer Übung fällt, beiläufig, fast am Ende: What little thing do you want to bless? Welche kleine Sache möchtest du segnen?

Ich kenne die Fragen, die an solchen Stellen sonst kommen. Was möchtest du verbessern? Was möchtest du verändern? Es sind die Fragen unserer Zeit; ganze Buchläden leben von ihnen, und sie sind ja nicht falsch. Aber die dritte Frage stellt niemand. Segnen – das Wort kommt aus einer anderen Welt, aus Kirchen, von Großmüttern, vom Ende alter Briefe. Und nun steht es mitten in einem Seminar, gestellt an Menschen, die gerade still nebeneinander gearbeitet haben.

Der Unterschied ist größer, als er klingt. Wer verbessern will, hat einen Mangel gesehen. Wer verändern will, hat etwas für falsch befunden. Wer segnet, lässt etwas so, wie es ist – und stellt sich trotzdem dazu. Im Seminar geht es dabei nicht um das Große und Gelungene. Es geht ausdrücklich um etwas Kleines: einen Funken, dem man erlauben darf, ein Feuer zu werden. Gesegnet wird nicht, was fertig ist. Gesegnet wird, was anfängt.

Seither höre ich in Gesprächen manchmal, wie viel Verbessern und Verändern darin vorkommt – bei mir. Auch das hat seinen Ort; Menschen rufen an, weil etwas anders werden soll. Aber hin und wieder gibt es diesen Moment, in dem ein Mensch etwas von sich erzählt, ganz nebenbei, etwas Kleines und Unfertiges – und die passende Antwort wäre keine Frage nach dem Weiter und dem Besser. Die passende Antwort wäre: Das lassen Sie sich nicht nehmen.

Ich habe die Frage seither ein paarmal bei mir selbst versucht. Verbessern könnte ich vieles, verändern auch; die Listen dafür schreiben sich von allein. Aber segnen? Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden. Es ist die erste Frage seit Langem, bei der mich das nicht beunruhigt.

Beim Weiterhören von: Stephen Gilligan & Matthias Varga von Kibéd, Pathways to Freedom – Wege zur Freiheit, Seminar am SySt®-Institut, München, November 2008.

Farben im Dunkeln
Bei einer Supervision.

Ein heißer Abend im Juli. Wir treffen uns zur Supervision; drinnen ist es kühler als draußen, auf dem Tisch stehen Gläser mit Wasser. Die Supervisorin ist eben erst aus dem Urlaub zurück und sagt, sie habe uns etwas mitgebracht: Farben. Dann lädt sie uns ein, mit einer Runde anzukommen. Jeder möge sagen, mit welchen inneren Farben er heute hier sitzt.

Vorbereiten konnte sich darauf keiner. Trotzdem beginnt einer nach dem anderen zu erzählen. Es kommen Himmel vor, ein Wasser, ein Blau. Keiner sagt: gut. Alle sagen Farben.

Als ich an der Reihe bin, erzähle ich von meinem Tag am Schreibtisch – und davon, dass ich immer wieder abgeschweift bin, hinaus in unseren kleinen Garten. Dort habe ich eine Blumenwiese ausgestreut, und jetzt blüht alles durcheinander: das Rot des Klatschmohns, Gelb, Weiß, Lila. Hummeln fliegen darin herum, eine kleine Spinne, eine Heuschrecke.

Später an diesem Abend wird es um das gehen, weswegen wir gekommen sind. Davor steht diese Runde. Sie fragt nicht, was wir besprechen wollen. Sie fragt, was schon da ist.

Niemand kommt leer. Wer irgendwo ankommt, bringt etwas mit, von dem er oft selbst nichts weiß, bis jemand danach fragt. Ich hatte nicht gewusst, dass die Blumenwiese den ganzen Tag bei mir gewesen war. Ich wusste es in dem Moment, in dem ich davon erzählte.

Seitdem frage ich mich manchmal, womit einer schon dasitzt, bevor er sagt, weswegen er gekommen ist. Ich weiß es meistens nicht.

Als ich später heimkam, war es dunkel. Von der Blumenwiese war nur noch ein Schatten zu ahnen. Aber ich wusste, welche Farben dort standen.

Mit den Augen gelesen
Nach einem Gedicht.

Von einem Seminar, das ich vor vielen Jahren besucht habe, gibt es Aufnahmen. Manchmal höre ich sie wieder. Irgendwo darin liest mein Lehrer ein Gedicht vor, ein Gedicht über Güte.

Vorgelesen zu bekommen ist etwas anderes, als selbst zu lesen. Wer selbst liest, bestimmt das Tempo, kann zurückgehen, kann eine Zeile überspringen, die ihm zu nahe kommt. Wer vorgelesen bekommt, kann nur folgen. Die Ohren können nicht zurückblättern.

Und noch etwas ist anders: Einer hat dieses Gedicht ausgesucht – für diesen Tag, für die, die im Seminar saßen. Er leiht ihm seine Stimme und seine Zeit. Das Gedicht sprach von Güte. Während er las, stand sie nicht mehr nur in den Zeilen.

Vielleicht ist ein Gedicht über Güte erst ganz, wenn jemand es einem anderen vorliest.

Später habe ich mir das Gedicht gesucht. Ich habe es mit den Augen gelesen. Es steht alles da. Nur einer fehlt.

Prompted by: Naomi Shihab Nye, Kindness, aus: Words Under the Words: Selected Poems (1995) – vorgelesen von Stephen Gilligan im Seminar Pathways to Freedom – Wege zur Freiheit, SySt®-Institut, München, November 2008.

Freundlich grüßen
Nach einem Mentorat.

Ich begleite einen Kollegen bei seinen Diensten am Telefon. Vor jedem Dienst sprechen wir, und ich frage, was vom letzten Mal nachwirkt.

Diesmal erzählt er von einem Widerstand. Die Art des Zuhörens, um die es bei uns geht – absichtslos, ohne den Drang, gleich zu helfen –, leuchtet ihm ein. Aber sie kostet ihn Kraft. Hinter seiner Ruhe, sagt er, liege oft eine Unruhe. Und je fester er sich vornimmt, nichts zu tun, desto mehr arbeitet es in ihm.

Er kennt das von früher, von Übungen, bei denen andere zur Ruhe kommen. Ihn machten sie enger statt weiter. Je größer das Bemühen um Entspannung, desto größer die Beklemmung.

Ich schlage ihm etwas anderes vor: die Unruhe nicht bekämpfen und nicht verstecken – sie kommen sehen, freundlich grüßen, weiterziehen lassen.

Dann beginnt der Dienst. Von den Gesprächen erzähle ich nichts; sie sind nicht meine. Aber von ihm darf ich sagen: Er hatte befürchtet, dass Zulassen alles schlimmer macht. Erlebt hat er das Gegenteil.

Vielleicht ist es so einfach und so schwer: Ruhe ist nicht die Abwesenheit von Unruhe. Ruhe ist, wenn die Unruhe keinen Gegner mehr hat.

Am Ende des Tages sagt er, zum ersten Mal seien ihm Sätze lebendig geworden, die er aus Büchern lange nur gekannt hatte.

Beim nächsten Mentorat frage ich wieder, was nachwirkt.

Aquarell einer Meeresschildkröte, die dem Licht entgegenschwimmt

Wo Erklärung und Schweigen beide möglich sind, prüfe zuerst das Schweigen.
Where both explanation and silence are possible, attend to the silence first.

Dieselbe Zurückhaltung trägt auch diese Seite: lieber zu wenig als zu viel.
The same restraint holds for this page, too: better too little than too much.

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